Theater Dortmund inszeniert ein Musical mit sehr viel Emotion und stark schwerem Inhalt

Auf der schwarzen Bühne steht das Haus. Nur zur Hälfte. Man schaut rein, denn die Hauswand liegt abgerissen mit der Tür auf dem Boden. Eine kleine Familie lebt dort. Schaut man genau hin ist es eigentlich eine schrecklich normale Familie. Oder müssen wir hier von „fast normal“ sprechen? Herzlich Willkommen bei der Familie Goodmans. Zumal sie auf den auf den ersten Blick normal sind. Erst bei weiterer Einsicht in die Familie merkt man, wie diese Familie eigentlich tickt.  Das Musical „Next to Normal“, im deutschen „Fast Normal“, von Brian Yorkey erzählt von der Familie Goodmans, die nicht gerade einen typischen Ablauf hat, denn jemand in der Familie hat eine bipolare affektive Störung, also eine manisch-depressive Erkrankung. Mutter Diana. 

Immer mehr leidet sie unter ihrer bipolarer Störung. Im Detail wird gezeigt, wie so eine Störung seine Auswirkungen haben kann, vor allem auf die Familie. Auch Selbstmord, Drogenabhängigkeit und das Leben werden deutlich im Musical thematisiert. 

Und jetzt traut sich die Dortmunder Oper auf ein gewaltiges Musical.

 

Es beschäftigt sich nun mit dem Thema: Depression, Sucht und Drogen und dem Tod. Und das zurecht! Durch „Roxy und Ihr Wunderteam“ - einer Fußballoperette - zeigte es schon, wie bunt es sein kann und auf kraftvolle, höchstgeleistete Produktion steht. Eine Bühne verwandelt sich binnen Sekunden das Haus der Familie Goodmans. Die beiden Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter zeigen einen direkten Blick in die Zimmer. 

 

Es geht los. Kai Tietje, die musikalische Leitung, beginnt seinen Dirigentenstock zu bewegen und spielt die Musik von Tom Kitt mit einem erstklassigen Orchester. 

Immer mehr leidet sie unter ihrer bipolarer Störung. Im Detail wird gezeigt, wie so eine Störung seine Auswirkungen haben kann, vor allem auf die Familie. Auch Selbstmord, Drogenabhängigkeit und das Leben werden deutlich im Musical thematisiert. 

Wenn wir bedenken, dass die Musik hier dem Genre Rock angehört, dann denken Sie jetzt nicht an Hardrock. Das Dortmunder Orchester spielt es genau passend auf seine Denkweise. An alle hier ein großes Lob! 

Diana, die Mutter der Familie, wird gespielt von der niederländischen Musicaldarstellerin Maya Hakvoort. Sie zeigt definitiv vollen Körpereinsatz. Anfangs kommt Sie auf die Bühne. Ganz normal angeblich, kann sie doch schnell ihre biplorare Störung nicht stoppen. Als ob sie in Wirklichkeit diese Störung hätte, spielt und besingt sie diese Rolle täuschend echt. Menschen wie ich, die mit depressionsleidenden Personen zu tun haben, rührt diese Rolle am meisten zu Tränen. Diana ist Mutter und hat somit auch eine Tochter. 

Tochter Natalie, verkörpert wie geeignet der wundervolle Dame Eve Rades, verliebt sich in den schüchternen und gleichzeitig offenen Typen Henry (passend von Dustin Smailes gespielt). Spätestens in dem Duett „Superboy und das Mädchen aus Glas“ wird klar, wie klar die Stimme der charmanten Musicaldarstellerin ist. 

 

Doch einer bleibt immer mehr angeschlagener als die anderen aus der Familie bezüglich der bipolaren Störung von Mutter Diana. Vater Dan Goodman, im Dortmunder Opernhaus vom prominenten Musicaldarsteller Rob Morton Flower dargestellt. 

 

Wussten Sie, dass Flower eigentlich ein gelernter Formel 1- Automechaniker ist und erst nach 25 Jahren entschied, in die Richtung des Theaters zu gehen? Anfangs startet er mit guter Laune in den Tag, um die Familie, neben Mutter Diana, in Kontrolle zu halten und sich nebenbei exzellent um seine Ehefrau zu kümmern.

Doch sitzt man länger in dem Theatersessel, steigt die Gänsehaut immer mehr und man wird positiv ruhiger, denn man fühlt sich in die Trauer ein, in die Trauer, die sich in ihm entwickelt. Ein klasse Abend kann es nur mit ihm werden. Riesen Respekt!

Jörg Neubauer ist der einzige Darsteller in diesem Rockmusical, der zwei Rollen verkörpert. Einmal Doktor Fine, in ihm ist er stimmlich ruhiger, jedoch lässt er die Zeit als Dr. Madden bei Beleuchtung von Florian Franzen rocken! Auch an der Hauswand passiert, von Bernd Hauch, eine epische Videopräsentation. Göttlich zart, schräg, aber auch gefühlvoll.

Kommen wir nun zum Kraftakt. Eigentlich eine der schwierigsten und mit viel Kraft besetzten Rolle. Ja, wir sprechen hier über den vor rund 16 Jahren gestorbenen Sohn der Familie. Dortmund schickt auch hier einen jungen, talentierten Mann (gerade 27 Jahre alt) namens Johannes Hut auf die Bühne. Die Besetzung ist perfekt ausgewählt. Wir bedenken, er ist tot, die Mutter feiert weiterhin seinen Geburtstag und ihre Halluzinationen beginnen immer wieder. Herr Huth löst dieses Geschick. Er geht in sich und singt alles stimmvoll korrekt. Man weint, fiebert und trauert dauerhaft mit, wenn der tote Sohn wie ein Gespenst auf der Bühne herumspringt, singt und sensibel wird. Einen besseren Darsteller für diese Rolle gäbe es definitiv nicht. Mit „Ich lebe“ oder den Zeilen „Halt mich, ich falle“ bleibt er im Ohr und kommt nie mehr heraus. Einen puren Moment Stille spürt man, wenn sich die Mutter Diana zur Behandlung entschließt und der Sohn, hier Johannes Huth, bedenkt, dass jetzt eine „Scheibe“ der alten Erinnerung durch Fleisch und Blut getrennt ist. 

Gemeinsam sind alle Rollen im A-Capella beeindruckend!

 

Ein dickes Lob geht auch hier an die Requisite. Ohne diese gäbe es keine Tabletten, keine Erinnerungsbilder und vor allem keinen Geburtstagskuchen für den toten Sohn. Bis ins Detail haben alle Bediensteten der Requisite hier voller Liebe gearbeitet. Sehr stark!

 

Man fühlt also den inneren Schmerz der Rollen mit. Einzelne Seelen zerbrechen. Man weint, es 

wird sensibel, unterhaltsam, aber egal wie unterhaltsam es bleibt oder ist. Eines bleibt sicher!

 

Das Theater Dortmund zeigt hier mit einem erstklassigen Gast-Ensemble eine kraftvolle und mitgefühlte Inszenierung. Vielen Dank!                                     

Fotos: © Björn Hickmann / Stage Picture

 © 2019. Ahmetcan Kesmez